Dieser Artikel stammt aus der Festschrift zum 100jährigem Jubiläum des SV Weisenheim.

Aus der Vereinsgeschichte (Rudolf Honacker + , ab 1964 Hans Oskar Koob)

 

Der Sportverein e. V. Weisenheim am Sand ist der Nachfolger der ehe­maligen Turn- und Fußballgesellschaft e.V. Weisenheim am Sand. Diese selbst entstand aus dem Zusammenschluss der Turngesellschaft 1890 und dem Fußball-Club Victoria.

 

Die ältesten Aufzeichnungen über die Turngesellschaft, von der heute kein Gründungsmitglied mehr lebt, datieren vom 12. Juli 1890. Hier wurde die Vereinssatzung erstellt und die erste Vorstandschaft mit Wilhelm Daut, Händler, als l. Vorsitzenden, Emil Weibel, Ackerer, als Turnwart und Friedrich Koblenzer als Schriftführer benannt.

 

Der Turnbetrieb fand jahrelang in einem gemieteten Saal, dem heutigen Kino statt. Die Berichte aus dieser Zeit sprechen von schönen Erfolgen und manche Namen, die bis in unsere Zeit noch bekannt sind, erscheinen dort als siegreiche Teilnehmer bei Vereins-, Kreis- u. Gauwettkämpfen. Im Jahre 1902 wurde von der Gemeinde der „Turnacker" an der Freinsheimer Straße (heute Turnerheim des ASV) auf neun Jahre zu einem jährlichen Pachtpreis von 16,50 Mark gepachtet.

 

Rege war in dieser Zeit die Teilnahme an den örtlichen Veranstaltungen. Jährlich wurde auf dem Ludwigshain ein Waldfest abgehalten und als geselliger Beitrag Theater gespielt. Zu erwähnen ist noch, dass als Mitglied des Vereinsausschusses ein Kneipwart benannt wird. Dieser hatte allerdings nichts mit der Durchführung von Kneippküren zu tun, sondern er war der Leiter der regelmäßig in den verschiedenen Gastwirtschaften statt  findenden nassen Zusammenkünfte.

 

Um die Jahrhundertwende, als das Fußballspiel aufkam, fuhren Georg Fesser und Pirmin Burgey, die miteinander befreundet waren, oftmals nach Mannheim um Fußballspielen zuzusehen. Dabei kam der Gedanke auf, auch selbst Fußball zu spielen und hierzu einen Verein zu gründen. Seinerzeit durften Jugendliche keine Gaststätten besuchen. Deshalb fanden sich am 24. Mai 1907 auf der Bank vor der Friedhofsmauer fol­gende „Fußballbegeisterte" zusammen:

 

Pirmin Burgey, Georg Fesser, Georg Bechtel, Mathias Eller, Oswald Göbel, Jakob Kraus, Georg Göbel, Richard Salzner, Johannes Euler, Willi Probst, August Kohl, Willi Gerner und Johannes Neckerauer.

Sie gründeten den Fußball-Club Victoria. Vorstand wurde Mathias Eller. Der erste Kampf fand auf dem Turnplatz an der Freinsheimer Straße gegen Lambsheim statt und wurde von Weisen heim verloren. Damit war der erste Auftritt vor den staunenden Weisenheimern vollzogen. Man konnte nicht verstehen, wie man einem runden Lederball nachjagen, und sobald man ihn hatte, wieder von sich stoßen konnte. Über die „Verrückten" wurde gelacht und gespottet. Bald hatten die jungen Spieler den Spitznamen „Borzelbuwe" weg. Manche Eltern verboten ihren Söhnen das weitere Spielen. Doch man fand immer einen Weg dies zu umgehen. Die Fußballschuhe wurden versteckt und die Torstan­gen verborgen. Von der gemeindlichen Bleiche und den Ochsenwiesen vertrieb der Feldschütz die Fußballbegeisterten. Sie fanden weitab vom Dorf auf der Heide einen neuen Kampfplatz, bis 1909 der Gemeinderat zur Einsicht kam und das Spielen im Ludwigshain gestattete.

 

Inzwischen war Georg Koblenzer nach Jakob Fickler und Emil Weibel im Jahre 1911 erster Vorstand der Turngesellschaft geworden und man trug sich mit dem Plan einen Sportplatz zu erwerben. Es lag daher für die Victoria nahe, Verbindung mit der an Mitgliedern sehr starken Turngesellschaft zu suchen. Nach fast zweijähriger Fühlungnahme war es auch dann so weit, dass am 9. Oktober 1912 im Lokal von Stephan Gerner (Zum Adler) die Vereinigung unter dem Namen Turn- und Fußballgesellschaft von beiden Vorstandschaften beschlossen wurde. Gleich­zeitig kam der Beschluss zustande, Gelände für einen Sportplatz zu erwerben. Schon im folgenden Jahr konnte der Plan verwirklicht werden. Für 7 300 Mark wurde ein Großteil des heutigen Sportgeländes gekauft. Leider wies die Vereinskasse der Turngesellschaft damals nur einen Bestand von 12 Mark auf. Die Kassenlage der Victoria ist leider nicht überliefert. Sie dürfte nicht besser gewesen sein. Nur durch Bürgschaf­ten und Zeichnung von Anteilscheinen aus der gebefreudigen und opferbereiten Mitgliedschaft heraus konnte dieser kühne Plan verwirklicht und unter großem persönlichen Einsatz an die Herrichtung des Platzes und die Erstellung einer Holzhalle gegangen werden.

 

Da brach der l. Weltkrieg aus. Nur vier Fußballspiele konnten 1914 und ebenso viele 1915 ausgetragen werden. Dann wurde der Sportplatz mit Kartoffeln eingepflanzt. Am 2. 9. 1917 konnte der Spielbetrieb fort­gesetzt werden. Ausgetragen wurden 16 Spiele durch eine gemischte Mannschaft unter dem Namen „Kriegsmannschaft Weisenheim-Lambsheim".

 

Erst mit dem Jahre 1919 konnten alle Abteilungen des Vereins wieder mit vollen Kräften ans Werk gehen und neben anderen Veranstaltungen das Gauturnfest des Rhein-Limburg-Gaues am 21. 9. 1919 in Fußgönnheim mit einer stattlichen Zahl Wettkämpfer besuchen. Die Leichtathletikabteilung meldete gute Erfolge von Turnfesten in Mundenheim, Frankenthal und aus anderen Orten.

Vier aktive Mannschaften führten damals 65 Spiele durch. Eine AH-Mannschaft und eine Jugendmannschaft wurden gegründet. Im näch­sten Jahr waren es schon 80 Spiele mit 83 Teilnehmern.

 

Dieser schöne Aufschwung konnte auch nicht durch die einsetzende Inflation gehemmt werden. Wohl entstanden der Vereinsleitung schwere finanzielle Probleme:

 

Am 26. l. 1924 zeigte der Kassenbericht auf:

Einnahmen:   248630155036185,51 Mark

Ausgaben:     239130155036185,51 Mark

Überschuss:      9500000000000,00 Mark

 

Nach Klärung der Verhältnisse war dieser riesige Überschuss gerade noch 160,53 Goldmark.

Mit diesem Kassenbestand übernahm Pirmin Burgey, der seit der Ver­einigung der beiden Vereine als Schriftführer gewirkt hatte, den Posten des l. Vorsitzenden.

 

Die noch lebenden Mitglieder des damaligen Vereinsausschusses seien hier aufgezeigt:

2. Vorsitzender Jakob Göbel, Platzwart Wilhelm Diehl, l. Turnwart Hermann Freising, Leichtathletikleiter Georg Schick, Stellvertreter Heinrich Daut, Schriftführer Jakob Scherf, Turnausschussvorsitzenden. Ludwig Brückmann, Unterhaltungsleiter Wilhelm Schörry;

Neue finanzielle Not brach über die Turn- und Fußballgesellschaft herein, als einem Großteil der Mitglieder wegen Arbeitslosigkeit der Beitrag erlassen werden musste.

 

Um der Turnabteilung für Zeiten schlechter Witterung eine Unterkunft zu schaffen, wurde der Bau eines Vereinshauses vorangetrieben, das am 30. 11. 1929 nach Überwindung vieler Schwierigkeiten durch die Opfer der Mitglieder eröffnet werden konnte.

 

Die Bausumme betrug 14032,81 RM. Aus eigener Kraft, wurde, diese Summe zusammengebracht. (Der Gemeinderat hatte damals einen Baukostenzuschuss von 500 RM zugesagt, der aber wegen der damit verbundenen kleinlichen Auflage vom Verein abgelehnt werden musste. Nun war der Turnabteilung endlich ein Turnsaal gegeben und das Ge­räteturnen nahm in diesem kleinen Raum (7X11 m) in der Folgezeit einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung.

 

Leider brachten die politischen Verhältnisse im Jahre 1933 mit der Absetzung des seit 1907 in der Vereinsleitung tätigen Pirmin Burgey einen Bruch in den guten Zusammenhalt des Vereins.

Der damalige Turnausschussvorsitzende Ludwig Brückmann wurde zum Vereinsführer gegen seinen Willen bestellt. Auch der „Diplomat" des Vereins, Karl Hager, damals 2. Vorsitzender, wurde in die „Verbannung" geschickt. Wohl stieg der Mitgliederstand durch die Aufnahme von Sportlern des verbotenen Arbeiter-Gesang- und Turnvereins. Auch wurde eine Handballabteilung ins Leben gerufen. Dies war aber nur ein Strohfeuer, das mit Beginn des 2. Weltkrieges vollends erlosch. Schon 1939 leisteten mehr als die Hälfte der Mitglieder Kriegsdienst. Der Spielbetrieb erstarb 1940. Das Vereinshaus wurde an einen Schuhfabrikanten aus Pirmasens vermietet. Der Vereinsausschuss stellte am 22. 2. 1941 seine Tätigkeit ein. Bis zum bitteren Ende diente das Vereinshaus als Kriegsgefangenenunterkunft.

 

Nach dem Einmarsch der Amerikaner,, deren Ablösung durch die Franzosen und der schrittweise einsetzenden Lockerung der strengen Bestimmungen für die Zivilbevölkerung, regte sich alsbald wieder ein neuer Sportgeist. Eine „wilde", d. h. ohne Vereinsgrundlage spielende Mannschaft nahm mit den französischen Besatzungssoldaten unter maßgeblichem Einsatz von Dr. Heinz Völbel den Spielbetrieb auf. Das ermunterte alte ehemalige Vereinsmitglieder in zwei illegalen Zusammenkünften die Wiedergründung des Vereins in Angriff zu nehmen. Am 23. 3.1946 fanden sich dann in einer genehmigten Besprechung in der Wohnung von Pirmin Burgey folgende Männer zusammen:

 

Pirmin Burgey, Wilhelm Lembach, Jakob Göbel, Fritz Daut, Richard Langenwalter, Walter Rech, Karl Diehl, Wilhelm Diehl, Georg Fesser, Johann Hüther, Michael Koppel, Heinrich Butterwei, Karl Hager, Philipp Böhnlein, Dr. Heinz Völbel, Philipp Eimer, Hennes Mack, Georg Bechtel und Franz Raab.

Ihnen gelang es die Erlaubnis zur Wiedergründung eines Sportvereins zu erlangen.

Der Neugründungstag war der 6. April 1946, an dem die allgemeine, öffentliche Versammlung aller ehemaligen sporttreibenden Vereine von Weisen heim am Sand stattfand.

 

Da ein neutraler Vereinsname benutzt werden musste, wurde die Bezeichnung „Sportverein Weisen heim am Sand" gewählt. Es war seinerzeit der Wille der Besatzungsbehörde, dass nur ein Sportverein im Dorf existieren sollte.

 

Nun begann ein neues Leben. Das verwahrloste, zur Ruine gewordene Vereinshaus wurde hergerichtet. Immer waren es die gleichen Idealisten, die durch ihren Arbeitseinsatz, durch Gestellung von Wein und Verpflegung in dieser armen Zeit die Arbeiten voranbrachten.

 

Jedem Teilnehmer wird die Fahrt in den Hinterwald unvergessen blei­ben, in dem das Holz für die Sportplatzumzäunung geschlagen und heimgeholt wurde. Auch die folgenden Jahre brachten Sorgen und Nöte. Lange dauerte der zermürbende Kampf um die Rückgabe des alten Vereinsvermögens. Erst im Jahre 1951 wurde das Vereinshaus und der Sportplatz wieder in das Eigentum des Vereins zurückgegeben. Gleich­zeitig konnte das Spielfeld durch Geländezukauf unter großzügigen Schenkungen von Schuldscheinen zu seiner heutigen Größe erweitert und die Schuldenfreiheit erlangt werden.

 

Neben dem Fußball erwachte auch wieder die Turnabteilung zu neuem Leben und begann unter dem Turnwart Wittmann (Oppau) und sodann unter Turnwart Albert Bibinger einen hoffnungsvollen Ansatz.

Am 30. l. 1954 legte Pirmin Burgey sein Amt aus Gesundheitsgründen nieder. Fast 47 Jahre hatte er als ein Motor im Vereinsleben gewirkt (auch in seiner unfreiwilligen Pause). Gehandelt hatte er stets nach seinem Wahlspruch:

 

„Nicht Worte, Taten entscheiden".

 

Er, der mit einem Weitblick und nimmermüder Hingabe seine ganze Freizeit und sein ganzes Denken dem Verein gewidmet hatte, wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Sein alter Weggenosse Jakob Göbel wurde l. Vorsitzender. Er führte die Geschäfte über sechs Jahre. Nach seinem Rücktritt trat Kurt Weber an seine Stelle.

 

Im Jahre 1962 stellte leider die Turnabteilung ihre Tätigkeit ein. Turnwart Bibinger trat zurück. Ein neuer Turnwart konnte nicht gefunden werden, da ja unsere Zeit arm an Idealisten zu sein scheint.

So entschloss man sich den Saal des Vereinshauses der in seinen Maß für einen geordneten Turnbetrieb nicht mehr ausreichte, gründlich zu renovieren. Er dient heute als Clubheim. Der Gedanke aber, dem Tur­nen im Verein wieder eine Heimstatt zu geben, war damit nicht erlo­schen.

 

Das Amt des l. Vorsitzenden übernahm 1964 Rudolf Honecker. Zusam­men mit dem Vereinsausschuss wurde der Plan den Anbau einer Turn­halle durchzuführen bis heute vorangetrieben.

Wieder hatten die Mitglieder bewiesen, dass sie bereit waren, Opfer zu bringen. Durch eine freiwillige Spende, die ein unerwartet erfreuliches Ergebnis zeitigte, wurde der Grundstock zu dem Neubau gelegt. Das Ziel wird sein, im Jubiläums jähr den Grundstein zur neuen Halle zu legen, damit auch wieder, wenn die äußeren Voraussetzungen gegeben sein werden, Turnen und Gymnastik zu neuem Leben im Verein er­wachen können.

 

Fortsetzung folgt...